7. Oktober 2026

Die Finanzwelt liebt einfache Sätze. 7 % Rendite im Jahr. Immobilien steigen langfristig sowieso. Wer früh genug investiert, wird dank Zinseszins reich. Und bald beantwortet künstliche Intelligenz ohnehin jede Finanzfrage.
Das Problem ist nur: Geld funktioniert im echten Leben selten so sauber wie in einer Excel-Tabelle.
Genau darüber spreche ich mit Prof. Dr. Erwin W. Heri in der aktuellen Folge von derfinanzplaner. Und das Spannende am Gespräch ist weniger, dass einzelne Finanzweisheiten widerlegt werden. Interessanter ist, warum wir sie überhaupt so gerne glauben.
Nehmen wir die berühmten 7 % Aktienrendite. Als langfristiger Durchschnitt mag die Zahl historisch nachvollziehbar sein. Für den einzelnen Anleger ist sie trotzdem erstaunlich wenig wert. Niemand investiert im Durchschnitt. Menschen steigen zu unterschiedlichen Zeitpunkten ein, zahlen Kosten und Steuern, erleben Inflation, Crashs und Euphoriephasen und treffen zwischendurch Entscheidungen, die in keiner Modellrechnung vorgesehen waren. Der Zinseszins ist mathematisch beeindruckend. Die eigentliche Herausforderung ist jedoch, jahrzehntelang investiert zu bleiben.
Bei Immobilien ist es ähnlich. Man kauft für CHF 800'000, verkauft Jahre später für CHF 1,4 Mio. und erzählt sich danach eine schöne Renditegeschichte. Hypothekarzinsen, Unterhalt, Renovationen, Steuern und Opportunitätskosten verschwinden dabei gerne aus der Erzählung. Immobilien sind deswegen nicht schlecht. Aber Rendite hat manchmal einen bemerkenswert guten Schönheitsfilter.
Auch die Pensionskasse zeigt, wie schnell Zahlen eine Sicherheit suggerieren, die so gar nicht existiert. CHF 500'000 Altersguthaben wirken wie CHF 500'000 auf einem Konto. Nur ist Vorsorgevermögen eben kein normales Bankguthaben. Entscheidend sind Umwandlungssatz, Verzinsung, Bezugsform, Steuern, Risikoleistungen und die Frage, welches Einkommen daraus später tatsächlich entsteht. Vermögen ist eine Zahl. Lebensstandard ist ein Zahlungsstrom.
Und dann kommt KI. Heute kann sie Finanzfragen erklären, Strategien vergleichen und Szenarien rechnen. Morgen wird sie das noch viel besser können. Das wird die Finanzplanung verändern. Vermutlich radikal. Aber gerade dadurch wird sichtbar, was Finanzplanung eigentlich leisten sollte. Nicht einfach Wissen liefern. Nicht noch mehr Zahlen produzieren. Sondern Zusammenhänge herstellen.
Denn die relevante Frage lautet selten: Welche Anlage bringt am meisten Rendite? Sie lautet eher: Welche Rendite brauche ich überhaupt? Nicht: Ist eine Immobilie eine gute Anlage? Sondern: Welche Rolle spielt sie in meinem Gesamtvermögen? Nicht: Wie hoch ist meine Pensionskasse? Sondern: Welches Einkommen kann ich mir damit später leisten?
Vielleicht wird Finanzplanung deshalb gerade in einer Welt voller Informationen wichtiger und nicht unwichtiger.
Wenn Berechnungen, Wissen und Marktinformationen praktisch kostenlos verfügbar werden, verschiebt sich der Wert. Weg vom Rechnen. Hin zum Einordnen.
Gute Finanzplanung versucht nicht, die Zukunft vorherzusagen.
Sie sorgt dafür, dass man auch dann noch einen Plan hat, wenn sie anders kommt.
Folge 52 von derfinanzplaner: Prof. Dr. Erwin W. Heri – «7 % Rendite und alle werden reich? Die Märchen der Finanzwelt»
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