10. Februar 2026

Wer sich mit Altersvorsorge beschäftigt, landet früher oder später bei einer scheinbar beruhigenden Zahl. Historisch betrachtet haben Aktienmärkte langfristig rund sieben bis zehn Prozent Rendite pro Jahr geliefert. Der Rest wirkt dann wie eine einfache Rechenaufgabe: lange genug investiert bleiben, den Zinseszinseffekt arbeiten lassen – und die Pensionierung wird zur mathematischen Selbstverständlichkeit.
Diese Logik ist elegant. Und gefährlich.
Denn sie beruht auf einem Denkfehler, der sich hartnäckig hält: der Vorstellung, dass der Durchschnitt entscheidend sei. Als ob es für den finanziellen Erfolg genügen würde, über viele Jahre hinweg eine bestimmte Durchschnittsrendite zu erzielen. In Wahrheit entscheidet jedoch nicht nur, wie viel Rendite ein Portfolio erwirtschaftet. Entscheidend ist ebenso, wann.
Zwei Anleger können über zwanzig Jahre exakt dieselbe durchschnittliche Performance erzielen – und dennoch mit völlig unterschiedlichen Vermögensständen enden. Der eine erlebt die guten Jahre zu Beginn, baut ein solides Polster auf und federt spätere Rückschläge gelassen ab. Der andere startet mit deutlichen Verlusten und sieht sein Kapital erst schrumpfen, bevor die Erholung einsetzt. Rein rechnerisch identische Verläufe, praktisch aber zwei unterschiedliche Realitäten. Das Vermögen des zweiten Anlegers wird sich von den frühen Einbussen oft nie mehr vollständig erholen.
Dieses Phänomen trägt einen sperrigen Namen: Sequence-of-Returns, das Reihenfolgerisiko. Es beschreibt nichts anderes als die Tatsache, dass die zeitliche Abfolge von Gewinnen und Verlusten den Unterschied macht – insbesondere dann, wenn nicht mehr eingezahlt, sondern entnommen wird.
Während der Ansparphase wirken Kursrückgänge sogar konstruktiv. Wer regelmässig investiert, kauft in schwachen Phasen günstiger nach. Verluste sind dann gewissermassen Rabatte. In der Entnahmephase kehrt sich diese Logik jedoch um. Wer Geld zum Leben braucht und gleichzeitig Kursverluste erleidet, muss Anteile im Minus verkaufen. Das Kapital schrumpft strukturell. Spätere Erholungen arbeiten auf einer kleineren Basis. Der Schaden bleibt dauerhaft.
Gerade hier zeigt sich, wie trügerisch der Blick auf historische Sieger ist. In den vergangenen Jahrzehnten waren die USA der dominierende Aktienmarkt. Der S&P 500 lag langfristig leicht vor globalen Indizes. Für viele Anleger scheint die Konsequenz offensichtlich: Warum diversifizieren, wenn ein Markt überlegen war?
Doch dieser Schluss verwechselt Rückspiegel mit Prognose. Märkte wechseln ihre Führungsrolle, Bewertungen übertreiben in beide Richtungen, Währungen drehen, Zyklen dauern oft ein Jahrzehnt oder länger. Wer sein gesamtes Vorsorgekapital auf ein einziges Land konzentriert, setzt implizit darauf, dass die Vergangenheit die Zukunft fortschreibt. Eine Annahme, die historisch selten dauerhaft funktioniert hat.
Globale Indizes wie der MSCI ACWI oder der FTSE All-World Index waren im langfristigen Vergleich nur minimal schwächer als der US-Markt, dafür aber breiter abgestützt. Der Unterschied in der Rendite bewegte sich oft im Bereich weniger Zehntelprozent. Der Unterschied im Klumpenrisiko hingegen war erheblich. Und genau dieses Risiko wird in der Pensionierung zum entscheidenden Faktor. Denn dort zählt weniger, wer im Durchschnitt die höchste Rendite liefert, sondern wer extreme Fehlstarts vermeidet.
Man könnte sagen: Die beste Strategie ist nicht jene, die maximal gewinnt, sondern jene, die am wenigsten kaputtgehen kann.
Diversifikation wirkt auf den ersten Blick unspektakulär. Sie produziert selten Schlagzeilen. Sie ist nie der «Top Performer des Jahres». Doch gerade diese Unauffälligkeit ist ihre Stärke. Ein breit gestreutes Portfolio reduziert die Abhängigkeit von einzelnen Regionen, Branchen oder Währungen. Es glättet Extreme. Und es erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass schlechte Phasen nicht genau dann auftreten, wenn man am wenigsten Zeit hat, sie auszusitzen.
Damit verschiebt sich der Fokus weg vom Produkt hin zur Struktur. Die entscheidenden Fragen lauten nicht: Welcher Index war historisch der beste? Sondern: Wie hoch sind meine geplanten Entnahmen? Wie lange muss mein Kapital reichen? Welche Teile meines Vermögens dürfen schwanken, welche müssen stabil sein? Wie viel Liquidität steht bereit, um schlechte Marktjahre zu überbrücken?
Solche Überlegungen lassen sich nicht mit einem ETF allein beantworten. Sie verlangen ein Gesamtsystem aus Vermögen, Zeit, Risiko und Cashflows. Wer Altersvorsorge ernsthaft betreibt, plant nicht nur Renditen, sondern Szenarien.
Am Ende ist die Erkenntnis fast banal – und dennoch unbequem: Rendite ist wichtig. Die Reihenfolge der Renditen ist wichtiger. Wer nur auf Durchschnittswerte schaut, plant mit einer Illusion. Wer die Mechanik von Sequence-of-Returns versteht, plant mit Realitätssinn.
Und genau dieser Unterschied entscheidet, ob eine Vorsorge auf dem Papier gut aussieht – oder im echten Leben trägt.
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